Erlebnisbericht
Hilfskonvoi nach Moldawien Oktober 1996
(von Frieder Spieth und Hannes Spieth, Rotaract
Club Stuttgart)
MOLDAWIEN
Moldawien, ein kleines Land an einem vergessenen Ende des
europäischen Kontinents, eingeklemmt zwischen Rumänien und der
Ukraine. Ein Land, das zu den ärmsten Europas zählt, durch jahrelange
kommunistische Monokulturen industriell vernachlässigt und herunter
gewirtschaftet. Ein Land, das unsere Hilfe dringend benötigt.
Das ehemalige Fürstentum Moldau blickt auf eine
wechselvolle Geschichte zurück. Zwischen Zeiten der Selbständigkeit
gehörte es immer wieder zu Rußland, der Türkei, Rumänien
und zuletzt zur Sowjetunion. 1991 erklärte die ehemalige Sowjetrepublik
ihre Unabhängigkeit von Moskau. Damit begann eine der schwierigsten
Epochen in der Geschichte des Landes. Das 4 Millionen Einwohner zählende
Gebiet von der Größe Nordrhein-Westfalens lebt überwiegend
vom Obst- und Gemüseanbau und vor allem vom Weinbau. Bodenschätze
und Industrien gibt es kaum. Während zu Zeiten der Sowjetunion die
Bruderabkommen dafür sorgten, daß Kohle, Öl, Strom und
was sonst zum Leben benötigt wurde, zumindestens ausreichend zur Verfügung
stand, müssen diese Existenzgrundlagen nun auf dem Weltmarkt gegen
harte Devisen gekauft werden, eine Rechnung, die nicht aufgeht.
Alters- und Sozialversicherung gibt es nicht, die alten
Menschen leben von der Hand in dem Mund. Die medizinische Versorgung ist
katastrophal. Daher stellt unsere Medikamenten lieferungen eine Art Lebensversicherung
für die Menschen dar, wie uns der moldawische Bischof immer wieder
erklärt.
Der Konvoi
Mit sieben Sattelschleppern, zwei Kleinlastern und zwei Kleinbussen
wurde in einer groß artigen Gemeinschaftsaktion Anfang Oktober 1996
der bislang größte Hilfskonvoi durchgeführt, der jemals
nach Moldawien gefahren ist. Seit 1994 läuft die Moldawien-Hilfe nun
schon, insgesamt sieben Transporte erreichten bereits ihr Ziel.
Organisiert wurde der Transport von den Distrikten 1810,
1830, 1900
und 1930 (Nordrhein-
Westfalens und Baden-Württemberg) von Rotaract International zusammen
mit der Caritas Essen, den Kirchengemeinden Christus König in Halver
(federführend Herr Pfarrer Karl Balkenohl (Rotary Club Meinerzhagen)),
St. Ewaldi in Essen/Altenessen und Herz Jesu in Gladbeck (Pfarrer Clemens
Bombeck) sowie befreundete Kolpingfamilien. Unterstützung erfuhren
wir hierbei vom Auswärtigen Amt in Bonn, der Deutschen Botschaft in
Kischinau und der moldawischen Botschaft in Bonn.
Ziel der Hilfsgüter war die Apostolische Administratur
Moldawien (unter Monsignor Anton Cosa), ortsansässige Kolpingfamilien,
die Caritas Moldawien und die Medical Foundation of Moldova, ein ärztlicher
Zusammenschluß, der die gezielte Verteilung der Hilfsgüter auf
das gesamte Land zum Ziel gesetzt hat, um eine Konzentration auf die Hauptstadt
zu vermeiden. Berücksichtigt wurden also ausschließlich nichtstaatliche
Organisationen, die gewährleisten, daß die Hilfsgüter nicht
in dunklen Kanälen der Korruption verschwinden, sondern den wirklich
Bedürftigen zukommen.
76 Tonnen Medikamente, medizinische Geräte, Lebensmittel, Spielsachen,
Werkzeuge und Kleidung im Gesamtwert von über 3,5 Mio. DM hatten wir
geladen.
Das Abenteuer beginnt...
Das Abenteuer beginnt schon bei der Abfahrt am Abend des
30.9.96:
Ein grandioser Anblick bietet sich uns, als sich ein 40-Tonnen-Ungetüm
nach dem anderen aus dem Hoftor des Lagers in Bochum schiebt. Unsere Rundumleuchten
hellen die Straße gespenstisch auf, der Sprechfunk hält den
Konvoi, der durch Häuserecken und rote Ampeln laufend unterbrochen
wird, zusammen. Die ersten Stunden auf den nächtlichen deutschen Autobahnen
sind geprägt von der Spannung, daß das Ereignis endlich beginnt,
auf das wir ein ganzes Jahr hingearbeitet und sehr viel Zeit investiert
haben. Jeder versucht, sich in dem beengten Raum des LKW-Führerhauses
häuslich einzurichten, welcher für die nächsten Tage unser
Zuhause sein wird. Eigentlich will niemand in dieser Stimmung schlafen,
aber wir zwingen uns dazu, daß sich alle Beifahrer in ihre Kojen
falten und versuchen ein paar Stunden bis zur Ablösung zu ruhen, um
die Kräfte zu schonen. Keiner weiß wieviel Schlaf wir uns auf
der Fahrt noch gönnen können. Speziell die LKW-Fahrer sind gefordert,
da nicht alle Fahrzeuge mit zwei Fahrern besetzt sind und wir versuchen
wollen, möglichst am Stück durchzufahren. Am Anfang der Fahrt
ist dieses Verhalten nur von unserer Vernunft gesteuert, aber je weiter
wir fahren, desto mehr konzentrieren wir uns instinktiv darauf, jede mögliche
Minute Schlaf zu nutzen. Am nächsten Morgen werden wir an der polnischen
Grenze zum ersten Mal mit der Korruption und Willkür konfrontiert,
welcher wir uns auch an allen weiteren Grenzen immer wieder scheinbar machtlos
ausliefern mußten. Von unseren LKW aus können wir beobachten,
wie unser Konvoileiter Volker Fricke über vier Stunden zusammen mit
unserem aus Moldawien eingeflogenen Dolmetscher Vladimir mit den Zöllnern
verhandelten und immer wieder diverse ALDI-Tüten mit Schokolade, Cola
und Bier und Geldumschläge diskret den Besitzer wechseln.
Polen
Weiter geht es auf Betonplattenautobahnen quer durch Polen.
Bei Tag werden uns die Dimensionen unseres Konvois erst so richtig bewußt.
Im Stehen hat unser Konvoi eine Länge von 150 Metern. Auf den zweispurigen
Straßen durch Polen zieht sich unsere Schlange meistens auf über
einen Kilometer auseinander. Spannend sind vor allem die Stadtdurchfahrten,
bei denen der Konvoi oft in mehrere Ampelphasen aufgesplittet wird. Hier
sind wir unendlich dankbar, daß wir vor der Fahrt alle Fahrzeuge
mit Funk ausgestattet haben und so uns gegenseitig durch die Stadt helfen
und wieder finden können. Landschaftlich ist es ein Traum, bei aufgehender
Sonne durch die leicht wellige Landschaft von Polen zu fahren.
Ukraine
Am Nachmittag erreichen wir die Grenze zur Ukraine. Die Grenzabwicklung
hier stellt alles was wir an der polnischen Grenze erlebt haben in den
Schatten. Obwohl wir uns als Hilfskonvoi nicht in den Stau vor der Grenze
einreihen müssen und direkt zur Grenzabfertigung fahren können
kostet uns dieser Grenzübertritt über acht sinnlose Stunden.
Immer wieder werden unsere LKW kontrolliert, werden wieder diverse ALDI-Tüten
und Geldumschläge weitergereicht, ist der zuständige Beamte wieder
nicht mehr aufzufinden oder fehlt wieder eine notwendige Bescheinigung.
Dies alles, obwohl wir unsere LKW verplombt haben und die Ukraine für
uns nur ein Transitland ist. Die Beherrschung fällt schwer, nach zwei
Tagen fast ohne Schlaf so aufgehalten zu werden. Aber wie kann man es den
Beamten verdenken, wenn sie sich einen kleinen Nebenverdienst und etwas
zu Essen und Trinken organisieren wollen, da der Sold wahrscheinlich schon
seit Monaten nicht mehr bezahlt wurde. Das Warten ist besonders ärgerlich,
da es jeder Zeit weitergehen kann und sich pro Fahrzeug eine Person die
ganze Zeit wachhalten muß. Denn wenn wir grünes Licht bekommen
muß es schnell gehen, sonst laufen wir Gefahr, daß die Schranken
wieder geschlossen werden oder sich jemand zwischen uns drängt und
den Konvoi für weitere Stunden an der Grenze festhält.
Die ersten Kilometer in diesem Riesenland muten seltsam
an. Alles ist stockdunkel, Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Unheimlich
sehen unsere LKW aus, wie sie in der Dunkelheit durch die Wolken aus Straßenstaub
brausen. Ab und zu fliegt im Scheinwerferkegel eine Gestalt vorüber,
dunkel gekleidet und oft schwer beladen mit Säcken auf dem Rücken.
Die kleinen Bauernhäuser ducken sich hinter den Straßengraben.
Um kein unnötiges Risiko einzugehen, beschließen
wir, die Nacht auf einem Transitparkplatz zu verbringen. Diejenigen unter
uns, die keine LKW-Koje zur Verfügung haben, genießen im Hotel
daneben das dreckigste Bett ihres Lebens.
Auf unserer 12-stündigen Fahrt durch die Ukraine
bei Dauerregen überkommt uns Depression. Es gibt weder Läden
noch Cafés, keine Werbung, kurz: Keine Farbe. Alles was man sieht
ist desolat und kaputt: Straßen, Häuser, wenige Autos, aufgegebene
Industrieanlagen und Bauruinen. Pferdefuhrwerke als Transportmittel sind
keine Seltenheit. Die Dorfstraßen bestehen oft nur aus Schlamm. Hier
ist uns die Funkausstattung wieder von großer Hilfe. So können
wir unsere nachkommenden Fahrzeuge vor den Schlaglöchern warnen und
beim Überholen auf den zweispurigen Straßen den Gegenverkehr
ankündigen. Eine spezielle Ironie haben nur die warnenden Funksprüche,
wenn wieder angekündigt wird, daß die nächste Brücke
nur mit maximal 20t belastet werden darf und ich dann eben mit meinem LKW
bei der Überfahrt die Luft kurz anhalte, da ich weiß, daß
mein LKW mit 30t vor der Abfahrt gewogen wurde. Ausgerechnet in der Ukraine
haben wir unseren einzigen größeren LKW-Defekt. Bei einem unserer
LKW reißt der zentrale Bremsschlauch. In der Ukraine ist die besonders
problematisch, da es hier, nicht wie in Polen, kein Servicenetz mehr gibt
und die Gefahr auf Überfälle am größten ist. Zum Glück
können die Berufsfahrer in unserem Konvoi den Defekt mit einem Schlauch
aus dem benachbarten Dorf nach vier Stunden beheben und die Fahrt kann
weitergehen.
Bei Freunden
Bei Dunkelheit erreichen wir die moldawische Grenze und werden
von unseren moldawischen Partnern empfangen. Wieder verbringen wir eine
Nacht in unseren LKW.
Sonnenschein begrüßt uns am nächsten
Morgen am Ziel, in Moldawien. Mit Polizeischutz bringen wir ab der Grenze
die letzten sechs Stunden hinter uns. Keine rote Ampel kann uns in Kischinau,
der Hauptstadt des Landes, mehr aufhalten. Wir fahren direkt zur Apostolischen
Administratur, wo wir von der Gemeinde aufs herzlichste empfangen werden.
Wir werden von Menschen umarmt und geküßt, die wir noch nie
vorher in unserem Leben gesehen hatten. Ein Blick in die dankbaren Augen
und wir wissen, wofür wir all die Strapazen auf uns genommen haben.
86 Stunden Fahrt und 2300 Kilometer liegen hinter uns
und alle 24 Mitglieder des Konvois können ihre Augen fast nicht mehr
offenhalten, aber in unseren Gesichtern sieht man, wie glücklich wir
sind, es geschafft zu haben. Noch am gleichen Tag entladen wir unsere LKW
in die drei Lager unserer moldawischen Freunde.
Endlich duschen, essen und - schlafen!!! Wir sind wieder
Mensch und können die Gastfreundschaft unserer moldawischen Gastfamilien
in vollen Zügen genießen.
Wir verbringen drei wunderschöne Tage in Kischinau.
Alleine oder zu zweit bei Familien untergebracht, können wir uns von
den Strapazen der Fahrt erholen. Dies ermöglicht es uns, das Leben
in Kischinau kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Zudem
haben wir die Möglichkeit, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, welche
unsere Hilfsgüter verwalten und weiterverteilen.
Wichtig war für uns auch, daß wir die Gelegenheit
bekamen, einige der Kinderheime und Krankenhäuser zu besichtigen,
welche von unseren Hilfslieferungen unterstützt werden. Nach drei
viel zu kurzen Tagen machen wir uns wieder auf den Weg zurück nach
Deutschland.
Back again
Die Rückfahrt ist nicht weniger erlebnisreich als die
Hinfahrt. Obwohl wir mit leeren LKW fahren, waren die Grenzformalitäten
nicht weniger aufwendig und zeitraubend. Dieser Umstand zeigt auch überdeutlich
die Rechtfertigung dieser Bürokratie, bei der auch beim passieren
eines leeren LKW noch Schmiergelder notwendig sind und eine Wartezeit von
sieben Stunden an der Grenze von der Ukraine nach Polen erzwungen wird.
Trotz all dieser Widrigkeiten kommen wir nach 76 Stunden
Fahrtzeit überglücklich wieder in Essen an.
Hilfe, die ankommt.
Durch diese Aktion konnten wir ein kleines Licht in den Osten
tragen, das den Leuten vor Ort beweist, daß die Welt sie in ihrem
Elend nicht vergessen hat. Wir konnten ein kleines Stück Solidarität
zwischen den Völkern demonstrieren und neue Freunde gewinnen.
Mittlerweile war Volker Fricke schon wieder in Kischinau,
um einen von der Bundeswehr zur Verfügung gestellten Lastwagen dorthin
zu überführen (die Fahrt dauerte fünf Tage und wäre
einen eigenen Bericht wert). Bei dieser Gelegenheit konnte er sich in unangemeldeten
Spontanbesuchen in Krankenhäusern und Kinderheimen davon überzeugen,
daß die Spenden die Richtigen erreicht haben.
Danke!
Es würde jeden vernünftigen Rahmen sprengen, beim
diesjährigen riesigen Spendenumfang alle Spender namentlich aufzulisten,
wie es ihnen eigentlich gebühren würde.
Im Namen der moldawischen Bevölkerung gilt unser
besonderer Dank allen Spendern, die großzügig in ihre Taschen
(oder ihre Lager) gegriffen haben. Vielen Dank speziell auch für das
Bereitstellen der Fahrzeuge, ohne die natürlich nichts möglich
gewesen wäre. Danke auch den beiden Hauptorganisatoren, Tim Kaufmann
und Volker Fricke, für die Moldawien inzwischen fester Bestandteil
ihres Lebens geworden ist. Aber auch allen anderen fleißigen Händen,
die vor, während und nach dem Transport zum Gelingen der Aktion beigetragen
haben, ein herzliches Dankeschön.
Homepage
der Moldawienhilfe AKTION 1998
(c) 1996 Text: Frieder Spieth, Hannes Spieth; Fotos: Christian
Schirp
Letztes Update: 31.07.1997, Frank
Tölke