Reisebericht Moldawien-Hilfsaktion

Oktober 1995

Gefahren, gesehen und geschrieben: Volker Fricke

Wir danken allen Spendern, die die Aktion ermöglicht haben.

Der Wandel im Osten ist ein Thema, das uns alle angeht, da jetzt die Möglichkeit besteht, den Menschen zu helfen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Als wieder Fahrer für die Tour nach Moldawien gesucht wurden, entschloß ich mich, hierbei zu helfen und einen der Lkws nach Chisinau, der Hauptstadt von Moldawien, zu fahren.

Moldawien liegt zwischen Rumänien und der Ukraine. Das ehemalige Fürstentum Moldau blickt auf eine wechselvolle, jahrhundertealte Geschichte zurück. Zwischen Zeiten der Selbständigkeit gehörte es immer wieder zu Rußland, der Türkei, zeitweilig auch zu Rumänien und zuletzt zur Sowjetunion. Die ehemalige Sowjetrepublik erklärte 1991 ihre Unabhängigkeit von Moskau. Damit beginnt für Moldawien eines der schwersten Kapitel in ihrer wechselvollen Geschichte. Moldawien (größenmäßig entspricht es Nordrhein-Westfalen) hat 4 Millionen Einwohner. Es lebt hauptsächlich vom Obst- und Gemüseanbau, vor allem Weinbau. Sonstige Bodenschätze und Industrieansiedlungen gibt es kaum.

Während zu Zeiten der Sowjetunion die Bruderabkommen dafür sorgten, daß Kohle, Öl, Strom und was sonst zum Leben benötigt wurde, wenigstens im Großen und Ganzen zur Verfügung stand, müssen diese Existenzgrundlagen jetzt gegen harte Devisen auf den Weltmärkten gekauft werden. Eine Rechnung, die nicht aufgeht, da Devisen ausgesprochen knapp sind, nicht zuletzt deshalb, da moldawische Produkte auf den Weltmärkten keinen Zugang haben.

Alters- und Sozialversicherung gibt es nicht. Die alten Menschen leben von der Hand in den Mund. Die medizinische Versorgung ist sehr schlecht; daher stellen unsere Medikamentenlieferungen eine Art Lebensversicherung für die Menschen dar, wie uns der moldawische Bischof immer wieder erklärt.

Auslöser für die rotaractische Hilfe war eine schwere Flutkatastrophe in Moldawien im August 1994, auf die uns Pfarrer Karl Balkenhol vom Rotary-Club Meinerzhagen und Pfarrer Clemens Bombeck von der St. Ewaldi Gemeinde in Essen aufmerksam machten. Sie unterhalten zur Apostolischen Administratur eine Patenschaft in Moldawien und bekamen von dort einen dringenden Hilferuf übermittelt. Seitdem sind wir rotaractiv in der Hilfe für Moldawien. Und so ist dies der Bericht eines rotaractischen Lkw-Fahrers über den fünften Hilfstransport nach Moldawien:

Das Abenteuer begann schon bei der Mercedes-Vertretung Lueg in Wattenscheid, wo wir drei Lkws in Empfang nahmen, die uns kostenlos für diese Tour zur Verfügung gestellt wurden. Nagelneu und komplett ausgestattet, allerdings mit einer EPS-Schaltung, welche am Anfang zu leichten Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Fahrer und Maschine führte. Dieses Problem war bis Köln, wo wir die Trailer abholten, jedoch gelöst. In Altenessen wurden wir schon erwartet, und es begann sofort die Beladung der Lkws mit vielen freiwilligen Helfern aus den Kirchengemeinden Altenessen und Zweckel (Gladbeck), dem Rotary Club Erwitte-Hellweg sowie den Rotaract Clubs Bochum, Lüdenscheid-Mark und Witten.

Insgesamt hatten wir für über 500.000 DM Hilfsgüter geladen.

Am 10. Oktober 1995 gegen Abend war es dann soweit: Nach einem uns gewidmeten Gottesdienst in Altenessen startete der Konvoi unter manch weinendem Auge der Daheimgebliebenen. 25 Personen, drei Lkws von Mercedes-Lueg, ein Lkw der Ruhrkohle AG, ein Lkw des Rotariers Heinz-Bruno Hecker, zwei Transit-Fahrzeuge der Fordwerke Köln, ein VW-Bus der Ruhrkohle AG sowie ein VW-Bus der Kirchengemeinde Christus König.

Nichts beginnt ohne Schwierigkeiten... so wurden die ersten drei Autobahn-Raststätten angefahren, bis es uns schließlich gelang, die gesetzlich vorgeschriebenen Autobahnvignetten für die Lkws zu kaufen - Vergessen ist menschlich!

Der deutsche Zoll erwartete uns bereits an der deutsch-polnischen Grenze in Forst und führte uns an allen Fahrzeugen vorbei direkt an die polnische Staatsgrenze, wo dann der erste umfangreiche Papierkrieg begann. Nach einiger Zeit hatten wir diese Hürde genommen, und schnell ging es durch Polen in Richtung Ukraine, wo wir leider in die Nacht kamen. Nachts ist der Osten z.T. doch sehr unheimlich, und nun hieß es fahren, fahren, fahren, denn ein längerer Aufenthalt kann schnell mit Schwierigkeiten verbunden sein. Auf wessen Seite die Polizei steht, ist auch nicht immer eindeutig auszumachen. Für diesen Zweck hatten wir den rotaractischen "Survival-Kit" dabei, bestehend aus Zehn-DM-Scheinen, Schokolade, Kugelschreibern, Feuerzeugen und der Anleitung "Überleben im Osten" von den Rotaractern Tim Kaufmann und Frank Schönnenberg - na, dann kann ja nichts mehr schief gehen!

Als sehr hilfreich haben sich die CB-Funkgeräte herausgestellt, die in aller Eile noch besorgt wurden und in allen Fahrzeugen installiert waren. Dies war besonders für die Lkw-Fahrer eine große Hilfe, wenn nachts z.B. unser rotaractischer Führungsoffizier und Distriktsprecher Tim pausenlos Straßenzustandsberichte machte "... Schlagloch ... Riesenschlagloch... unbeleuchtete Oma auf dem Randstreifen..." etc.

An der Grenze zu Moldawien mußte der Zöllner mit sanftem Nachdruck aus dem Schlaf geholt werden, was zu einem ungewollten mehrstündigen Aufenthalt führte. Wenn Engel reisen... bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein rollten wir auf Chisinau zu - das Ziel unserer Reise vor Augen. Nach 61 Stunden und 2.300 Kilometern hatten wir es geschafft. Die Gemeinde erwartete uns mit Tränen in den Augen. Auch Bischof Anton Cosa und der deutsche Botschafter Giffels waren sehr erleichtert, daß alles gut gegangen war.

Aus organisatorischen Gründen begannen wir sofort mit dem Entladen unserer Fahrzeuge. Wir hatten 80 Krankenhausbetten auf "meinem" Lkw, die wir direkt zum Krankenhaus fuhren, um dort festzustellen, daß sich die Betten ineinander verkeilt hatten - Resultat: die gesamte Plane auf einer Seite am Trailer mußte herunter. Und so brauchten wir schließlich eine Stunde, ehe das erste Bett abgeladen war. Als dann endlich Bett für Bett ins Krankenhaus rollte und man die Freudentränen der Menschen in den Augen sah, wußten wir, daß wir das Richtige getan und sich alle Strapazen mehr als gelohnt hatten. Auch der riesengroße Plüsch-Affe, den wir aus Platzgründen fast nicht hätten mitnehmen können, wurde voller Begeisterung und Freude von den Kindern des Kinderheims, das durch Pfarrer Karl Balkenhol finanziert wurde, aufgenommen.

Anschließend wurden alle Fahrzeuge sicher auf einem bewachten Parkplatz abgestellt, und wir konnten ausruhen und die Gastfreundschaft der Menschen kennenlernen, für die wir gefahren waren. Wir haben die Gelegenheit genutzt, uns von den Verhältnissen vor Ort ausreichend in Kenntnis zu setzen, um zu wissen, wie wir auch weiterhin helfen können. Eine auf persönlichen Wunsch durchgeführte Krankenhausbesichtigung brachte mir die Erkenntnis, daß gerade hier ein enormer Handlungsbedarf besteht.

Die vier Tage in Moldawien sind für uns alle sehr eindrucksvoll gewesen und haben sicher den einen oder anderen von uns sehr nachdenklich gestimmt; denn die wenigsten haben Gelegenheit, den Unterschied vom Leben in Moldawien und hier in Deutschland zu sehen - nach wie vor ist dieser gravierend!!!

Unsere Gastfamilien wollten uns gar nicht abreisen lassen. Schwer mit Verpflegung ausgerüstet und so mancher Wein- und Vodkaflasche im Gepäck wurde Abschied genommen. Hierbei floß so manche Träne, und unsere moldawischen Freunde begleiteten den Konvoi noch viele Kilometer in Richtung Grenze. Die Rückreise ging ohne größere Probleme vonstatten, so daß wir am 20. Oktober 1995 gegen Nachmittag glücklich, müde und vollzählig wieder in Altenessen eintrafen.

Viele helfende Hände haben diese Aktion möglich gemacht, besonders die, die im Verborgenen gearbeitet, gesammelt, sortiert und gepackt haben sowie die, die Sponsoren gesucht und gefunden haben und auch die vielen Firmen, Verbände, Organisationen, die diese Aktion mehr als großzügig unterstützt haben.

Eine Reise, die man nicht vergißt. Man hatte die Möglichkeit, Menschen zu helfen, die man auch nicht vergißt und auch nicht vergessen sollte. Diese vielen positiven Erfahrungen und die Tatsache, daß unsere Hilfe gebraucht wird und auch vor Ort ankommt, läßt uns bereits den nächsten Transport im Oktober planen.

(c) 1995 Volker Fricke

Homepage der Moldawienhilfe AKTION 1998

letztes Update 31.07.1997, Frank Tölke